Die Industrie will beweglicher, modularer und schneller umrüstbar werden. Gleichzeitig bleibt PROFINET in vielen Maschinen und Anlagen die zentrale Kommunikationsbasis für zyklische I/O-Daten, Diagnose, Alarme und die Integration intelligenter Feldgeräte. Genau hier entsteht in der Praxis ein Zielkonflikt: Die Kommunikation soll robust, planbar und echtzeitfähig bleiben, aber bitte ohne zusätzlichen Verkabelungsaufwand, ohne mechanisch anfällige Schleppketten und ohne starre Anlagenstrukturen.
Genau an diesem Punkt setzen wir mit PROFINET über DECT NR+ an. Für uns geht es nicht darum, ein bestehendes Automatisierungsmodell zu ersetzen. Es geht darum, die Übertragungsstrecke so zu modernisieren, dass PROFINET auch dort zuverlässig nutzbar wird, wo Kabel an ihre praktischen und wirtschaftlichen Grenzen stoßen.
Der entscheidende Punkt ist dabei nicht nur „drahtlos“, sondern deterministisch. Denn für industrielle Kommunikation reicht es nicht, dass Daten irgendwann ankommen. Entscheidend ist, dass sie vorhersehbar, reproduzierbar und transparent übertragen werden, auch dann, wenn sich Teilnehmer bewegen oder Anlagenstrukturen ändern. DECT NR+ (DECT-2020 NR) adressiert genau solche lokalen, zuverlässigen und latenzarmen Funknetze.
Was ist PROFINET?
PROFINET, kurz für Process Field Network, ist ein offener Industrial-Ethernet-Standard der PROFIBUS & PROFINET International (PI). In der industriellen Automatisierung dient PROFINET als Kommunikationsbasis zwischen Steuerungen, Feldgeräten und übergeordneten Systemen und ist heute in Maschinenbau, Fertigung und Prozessindustrie breit etabliert.
Im Unterschied zu klassischen Feldbussystemen basiert PROFINET vollständig auf Ethernet. Dadurch lassen sich Standard-IT-Kommunikation und industrielle Echtzeitkommunikation innerhalb einer gemeinsamen Netzwerkarchitektur abbilden. Genau das macht PROFINET in der Praxis so stark: Der Standard verbindet Offenheit, breite Verfügbarkeit und durchgängige Integration mit den Anforderungen industrieller Automatisierung.
Die Ausgangslage: PROFINET ist gesetzt, die Anlage wird beweglicher
In der industriellen Praxis ist PROFINET längst etabliert. Controller, Remote I/O, Antriebe, Vision-Systeme, RFID, Diagnosefunktionen und Safety-Komponenten sind in vielen Maschinen und Fertigungslinien darauf ausgelegt. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen deutlich:
- Maschinenmodule sollen flexibel ergänzt oder versetzt werden.
- AGVs, AMRs und andere mobile Teilnehmer müssen sauber in die Automatisierung eingebunden werden.
- Drehende oder verfahrbare Anlagenteile erzeugen mit Kabeln, Schleppketten und Schleifringen Verschleiß, Kosten und Stillstandsrisiken.
- Brownfield-Anlagen sollen modernisiert werden, ohne die komplette Infrastruktur neu aufzubauen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur: Wie bringen wir Funk in die Anlage?
Die wichtigere Frage lautet: Wie transportieren wir PROFINET so, dass die Kommunikation industriell belastbar bleibt?
Genau daran scheitern viele Funkansätze. Was für Office-Netze oder einfache Telemetrie ausreicht, ist für zyklische Automatisierung noch lange nicht geeignet. In industriellen Umgebungen zählen keine Maximalwerte aus dem Datenblatt, sondern reproduzierbare Latenzen, stabile Kommunikationspfade, kontrollierbares Verhalten bei Mobilität und eine Architektur, die sich planbar in SPS- und I/O-Welten einfügt.
Warum Deterministik der eigentliche Kern des Themas ist
Wer über drahtlose Industriekommunikation spricht, spricht oft zuerst über Reichweite oder Bandbreite. Für PROFINET ist aber etwas anderes entscheidend: Deterministik.
Deterministische Kommunikation bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich Übertragungsverhalten, Latenz und Kanalzugriff planbar verhalten. Genau das ist die Voraussetzung dafür, dass zyklische Kommunikation, Diagnose und Alarmverarbeitung in realen Industrieumgebungen belastbar funktionieren.
An diesem Punkt ist DECT NR+ besonders interessant, da es nicht nur niedrige Latenzen unterstützt, sondern auch Mechanismen, mit denen sich Kommunikation wesentlich kontrollierter und planbarer betreiben lässt als in klassischen, contention-basierten Funkverfahren.
Für uns ist das der entscheidende Unterschied: Wir betrachten Funk nicht als Best-Effort-Medium, sondern als planbare Transportebene für industrielle Kommunikation.
Warum DECT NR+ für PROFINET technisch so gut passt
DECT NR+ bietet ideale Voraussetzungen für industrielle Funkanwendungen. Der Standard nutzt das dedizierte, lizenzfreie 1,9-GHz-Band und sorgt damit für eine besonders robuste und störungsarme Kommunikation. Anders als WLAN setzt DECT NR+ auf Scheduled Access (TDMA) und schafft so die Grundlage für deterministische Datenübertragung.
Genau daraus entsteht der technische Fit zu PROFINET:
- Die SPS bleibt in ihrer gewohnten PROFINET-Welt.
- Feldgeräte bleiben im bekannten Engineering- und Diagnosemodell.
- Die drahtlose Strecke übernimmt die Aufgabe, den Datenpfad planbar und robust bereitzustellen.
- Mobilität wird nicht als Sonderfall behandelt, sondern von Anfang an architektonisch berücksichtigt.
Unser Ansatz bei STRATUM 9: transparent, deterministisch, mobil
Für uns ist PROFINET über DECT NR+ nur dann industrietauglich, wenn drei Dinge gleichzeitig gelingen: vollständige Transparenz, echte Deterministik und stabile Mobilität.
Volle Transparenz bedeutet für uns: PROFINET wird drahtlos übertragen, ohne verändert zu werden. Keine Protokollumsetzung, keine zusätzlichen Schnittstellen, keine Eingriffe in die Kommunikation. Für SPS und Applikation bleibt PROFINET genau das, was es sein soll: PROFINET. Das hält bestehende Architekturen stabil, reduziert Komplexität und vereinfacht die Integration bewegter oder entfernter Teilnehmer erheblich.
Echte Deterministik bedeutet: keine zufälligen Zugriffsmechanismen, keine unkontrollierbaren Latenzspitzen, kein Best-Effort-Verhalten. Stattdessen arbeiten wir mit Scheduled Access und fest zugewiesenen Zeitschlitzen. Anders als bei WLAN konkurrieren Geräte nicht um Airtime, sondern senden in definierten Slots. Das sorgt für kollisionsfreie, planbare Kommunikation mit stabil niedriger Latenz und schafft die Grundlage für industrielle Echtzeitkommunikation über Funk.
Stabile Mobilität bedeutet: Kommunikation darf nicht abbrechen, nur weil sich ein Teilnehmer bewegt. Genau deshalb ist Seamless Handover ein zentraler Bestandteil unseres Ansatzes – unterbrechungsfreie Übergänge zwischen Funkzellen, sodass die Verbindung auch in schnellen oder kontinuierlich mobilen Anwendungen konstant bleibt. Kommunikationsverluste werden vermieden, unnötige Stillstände reduziert. So entsteht eine robuste drahtlose Infrastruktur für industrielle Anwendungen wie mobile Roboter, Elektrohängebahnen oder rotierende Anlagenteile.
Aus dieser Kombination entsteht der eigentliche Mehrwert unserer Technologie: transparente PROFINET- und PROFIsafe-Übertragung, deterministische Kommunikation und Seamless Handover in einer einzigen drahtlosen Architektur.
Wie wir PROFINET über DECT NR+ praktisch realisieren
Die praktische Architektur ist bewusst klar gehalten.
- Auf der festen Anlagenseite bleibt das bestehende PROFINET-Netz bestehen.
- An der Übergabestelle bringen wir den Ethernet-basierten Verkehr auf die DECT-NR+-Funkstrecke.
- Auf der mobilen oder entfernten Seite stellen wir die Verbindung wieder als Ethernet-Segment für die PROFINET-Teilnehmer bereit.
- Die Funkstrecke wird nicht als beliebige IT-Verbindung behandelt, sondern auf Lastprofil, Kommunikationsverhalten, Mobilität und Reserven ausgelegt.
Ein zentraler Baustein dafür ist unser DECT NR+ Gateway – eine leistungsstarke Funkeinheit, die speziell für industrielle DECT NR+ Anwendungen entwickelt wurde. Mit einer einheitlichen Hardware für stationäre und mobile Kommunikationsschnittstellen schaffen wir die infrastrukturelle Grundlage, um industrielle Kommunikation drahtlos in bestehende Ethernet- und damit auch PROFINET-nahe Architekturen einzubinden.

Wo PROFINET über DECT NR+ besonders sinnvoll ist
Der Ansatz ist überall dort besonders stark, wo Kabel mechanisch nachteilig, wartungsintensiv oder konstruktiv unpraktisch sind:
- AGVs und AMRs in Intralogistik und Fertigung
- Drehende oder verfahrbare Maschinenteile
- Modulare Maschinen und flexible Fertigungszellen
- Brownfield-Retrofit mit hohem Verkabelungsaufwand
- Temporäre Produktionsaufbauten oder schnell umrüstbare Linien
- Remote-I/O-Anbindungen in schwer zugänglichen Anlagenbereichen
Gerade in diesen Szenarien geht es nicht nur um das Weglassen von Kabeln. Es geht darum, mehr Freiheitsgrade im Maschinen- und Anlagenbau zu schaffen, ohne die Kommunikationsqualität der Automatisierung zu opfern.
Fazit
PROFINET über DECT NR+ ist für uns kein Zukunftsversprechen, sondern eine logische Antwort auf reale Anforderungen der Industrie: mehr Beweglichkeit, mehr Modularität, weniger mechanische Komplexität und eine Kommunikation, die auch ohne Kabel planbar bleibt.
Der zentrale Vorteil liegt dabei nicht allein in der Funktechnologie, sondern in der Deterministik. Erst wenn PROFINET transparent, reproduzierbar und mobilitätsfähig übertragen werden kann, wird aus drahtloser Kommunikation eine ernstzunehmende Industriearchitektur.
Mit unserem DECT NR+ Gateway wird dieser Ansatz konkret umsetzbar: als Infrastrukturbaustein für transparente, deterministische PROFINET-Übertragung mit Seamless Handover in realen industriellen Anwendungen.